Gastschülerschaft in der USA
Am 22. August landete ich in New York. Dort nahm ich vier Tage lang an einem so genannten
Orientation-Camp teil. In einem Haus am Rande New Yorks trafen sich alle Europäer, die mit der
Austauschorganisation SIEE (Steiner International Education Exchange) am Anfang dieses Schuljahres
in die USA kamen und dort in eine Waldorfschule gingen. Hier sollte man lernen mit seiner Gastfamilie
umzugehen, Konflikte zu vermeiden. Es wurde vor einem Kulturschock gewarnt, den viele europäische
Schüler in Amerika erleiden. Nach dem Camp flog ich dann nach Denver, Colorado, wo ich meine
Gastfamilie am Flughafen und meine Mitschüler einen Tag später auf einer Feier kennen lernte.
Naja, die Erfahrung und Kompetenz der Austausch-Organisatoren in allen Ehren, aber so schlimm ist
es in Amerika wirklich nicht. Zugegebener Weise gab es einige Verwunderungen meinerseits,
beispielsweise über den Cola-Automaten, die Mikrowelle und den Schüler-Kühlschrank in der Denver
Waldorf High School oder die Müllentsorgung der US-Amerikaner, die an Umweltfeindlichkeit in
Europa ihres Gleichen sucht. Aber Gastfreundlichkeit und Offenheit der Amerikaner haben meine
Meinung schließlich stärker geprägt. Gerade als Ausländer war ich froh, diese Charaktereigenschaften
in meiner Gastfamilie und Schule zu finden. Fünf Tage nach meiner Ankunft in Denver endeten dort
die Sommerferien. Am ersten Schultag dachte ich, meine ganze Klasse säße im Empfangsraum des
winzigen Oberstufengebäudes. Wie sich zehn Minuten später herausstellte, war dies jedoch die
gesamte Schülerschaft der Oberstufe (Klassen 9-12). Insgesamt ganze 29 Schüler und 11 Lehrer.
Meine Klasse umfasste sieben Schüler. Klassengrößen wie diese waren mir bis damals nur aus dem
evangelischen Religionsunterricht unserer Schule bekannt.
Ich empfand die Schule also schon am ersten Tag als sehr überschaubar.
Im November unternahm die zehnte Klasse eine Fahrt nach New Mexiko. Wir übernachteten im
Waldorfkindergarten in Santa Fe. Als wir aus der heißen Steppe und den Sanddünen zurückkehrten,
war es in Denver langsam kalt geworden. Und es wurde immer kälter. Jetzt stieß ich neben schlechter
Müllentsorgung noch auf einen anderen Punkt, der scharfe Kritik verdient: Das, wie es sich gerne
selber nennt, weitentwickelteste Land der Welt, hat bei all seiner Weiterentwicklung offenbar an einem
elementaren Bestandteil des alltäglichen Lebens, zu Gunsten von Militär und Technik gespart: dem
Häuserbau. Baufällige und schlecht isolierte Holzhäuser machen den Winter in einer so kalten Region
wie den Rocky Mountains zu Qual. Die dort verwendeten Fenstergläser könnte man hier allenfalls als
Glasbildhalter verkaufen.
Da der Unterricht in den USA vergleichsweise einfach war, hat es hier eine Epoche lang gedauert, bis
ich wieder aus den Federn kam. Alle, die an der Effizienz eines Schüleraustausches hinsichtlich des
Englisch-lernens zweifeln, kann ich beruhigen: Ein Aufenthalt in den USA, England, Australien etc. ist
der leichteste, schnellste und interessanteste Weg Englisch zu lernen.
Sebastian von Allwörden
10. Klasse