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Die GRÜNE-Vertrauensfrage Freitag, 23.11.2001: Ich bin auf dem Weg nach Rostock zum GRÜNEN-Parteitag oder wie es die GRÜNEN sagen würden, zur Bundesdelegiertenkonferenz (BDK). Es ist Freitag Nachmittag, ich sitze im Regionalexpress von Lübeck nach Rostock. Mir gehen viele Fragen durch den Kopf: Wie wird wohl der Parteitag? Was für Rechte hat man als Teilnehmer der JUGEND PRESSE LOUNGE? Und wie ist die von der GRÜNEN JUGEND gestellte Unterkunft? Ich weiß nur, dass sich diese in dem Rostocker Stadtteil Lichtenhagen befindet. Der Stadtteil, wo vor sechs Jahren ein Asylantenheim von rechtsradikalen Tätern und tausenden Gaffern überfallen und anschließend niedergebrannt wurde. Dies ist gerade erst wieder ins Bewusstsein gelangt, da der Prozess gegen die drei Haupttäter nun endlich beginnt.
Ich bin von der GRÜNEN JUGEND mit ca. 40 anderen Redakteuren von Schülerzeitungen, und -radios, Uni- oder Jugendmagazinen eingeladen worden, zur BDK nach Rostock zu kommen, um uns das Geschehen einmal aus der Nähe anzusehen. Für Unterkunft etc. kommt die GRÜNE JUGEND auf. Wir sollen die selben Rechte wie die „normalen Presseleute“ haben. Am Freitag Abend, kurz nach der Ankunft in unserer Unterkunft geht es schon los zu einem Presseempfang der GRÜNEN im noblen Hotel NEPTUN in Rostock-Warnemünde. Hier drängelten wir uns neben vielen hundert Journalisten/Innen am Buffet vorbei und hoffen, irgendwann einmal zu einem Gespräch mit der Parteiprominenz gelangen. Dies gelingt schließlich auch, so dass wir Gespräche mit Jürgen Trittin und Fritz Kuhn führen können. Danach unterhalten wir uns sehr lange mit einer Frau vom Politik-Ressort des SPIEGEL über den Krieg in Afghanistan, die Situation auf dem Balkan und über unsere und ihre journalistischen Erfahrungen. Als wir gegen 2 Uhr Nachts im Jugendheim ankommen, erfahren wir, dass es am nächsten Tag um 8:00 Frühstück geben soll und danach gleich in Richtung Stadthalle zum Parteitag gehen wird. Samstag 24.11.2001: Etwas müde wanken wir nach dem Frühstück zur Bushaltestelle. Die Stimmung hebt sich jedoch sehr schnell und von Müdigkeit kann keine Rede mehr sein, als wir die Stadthalle, den Tagungsort, erreichen. Vor der Halle warten vereinzelte Demonstranten, die jeder gegen etwas anderes protestieren, das Spektrum reicht von der Initiative zur Abschaffung der Jagd, über Pazifisten bis hin zur JUNGEN UNION, die wacker ein Transparent hält, auf der „Macht ist doch geiler als Moral“ zu lesen ist. Dank unser Presse-Schilder kommen wir ganz einfach an den breitbeinig dastehenden und glatzköpfigen Securities vorbei in die Halle. Dort haben wir eine Pressekonferenz mit einem Redakteur der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, welcher für die GRÜNEN zuständig ist. Mit ihm reden wir über die Zukunft der GRÜNEN und seine Erfahrungen im Journalismus. Nun geht’s in die Sitzungshalle. Es herrscht noch weitgehend gähnende Leere, da der Parteitag erst um 12:30 beginnt. Genug Zeit also noch, um sich in der Halle umzusehen und den Profis etwas über die Schulter zu gucken.
Jetzt geht’s endlich los. Von der Tribüne, auf der alle Presseleute und Gäste sitzen verfolgen wir den Beginn. Nach ein paar Einleitungsreden wird zum Haupttagesordnungspunkt übergegangen. Es geht also um den Afghanistan-Krieg und die Abstimmung im Bundestag. Da sich dies noch bis heute Abend hinziehen wird, gibt es jetzt noch einmal eine Pressekonferenz für uns Schülerzeitungsredakteure. Zu Gast ist diesmal Niombo Lomba, jüngstes Mitglied im Bundesvorstand von Bd. 90/die Grünen. Sie erzählt vom neuen Grundsatzprogramm, an welchem die Grünen gerade arbeiten. Niombo Lomba ist nicht der Meinung, dass die GRÜNEN am Afghanistan Krieg zerbrechen werden, sondern, dass die GRÜNEN gestärkt wieder hervortreten werden. Zurück in der Halle, beginnt gerade die Rede von Claudia Roth. Sie charakterisiert die Partei als militärkritisch, aber manchmal müsse Militär eingesetzt werden, um Friedensperspektiven zu eröffnen. Dabei müsse der Schutz der Zivilbevölkerung aber oberste Priorität haben. „Man sollte nicht von einer uneingeschränkten, sondern von einer kritischen Solidarität sprechen“, so Roth und weiter: „Ich fühle mich sicherer weil Joschka Außenminister ist... ...weil er mitgebaut hat an der ‚Antiterrorkoalition’ und trotzdem Ländern wie China, Russland und der Türkei kritisch gegenüber blieb, was die Menschenrechte in diesen Ländern angeht.“ Zum Schluss ihrer Rede kommt Claudia Roth auf die Erfolge der GRÜNEN in der Regierung zu sprechen. Anspielend auf das Gleichstellungsgesetz sagt sie: „Ohne uns hätten es Angela Merkel und Klaus Wowereit nicht geschafft!“ Nach dem Mittagsessen lauschen wir gespannt der Rede von Joschka Fischer. Diese wird erst einmal dadurch angekündigt, dass sich zwei Bodyguards breitbeinig vor der Bühne positionieren. Dann tritt Joseph „Joschka“ Fischer unter tosendem Applaus ans Rednerpult und hält eine glänzende, flammende Rede.
„Ich saß neulich im Hochhaus der Vereinten Nationen im 39. Stock in New York und habe erlebt wie erstmals in der Geschichte der UN die Sicherheitsdurchsage kam und alle dachten es wäre ein neuer Terroranschlag...“so der sichtlich ergriffene Fischer. Zwischenrufe wie „Wollt ihr den totalen Krieg“ werden von den Delegierten mit „Buuh“-Rufen quittiert und von Fischer souverän übergangen. Zum Schluss fordert Fischer die Delegierten auf, ihn und die Regierung zu unterstützen. Fischer: „Hier werden Menschen gerettet, hier wird Krieg verhindert! In der Welt des 21. Jahrhunderts werden wir um das Militär nicht herumkommen, es sei denn wir verlassen die Regierung. Ich bitte euch um euer Vertrauen, ich möchte, dass ihr mich unterstützt und mich nicht alleine lasst. Ich danke euch!“ Unter Standing Ovations verlässt Fischer das Redner-Pult. Anschließend sprechen wir auf weiteren Pressekonferenzen noch mit Volker Beck, MdB und rechtspolitischer Sprecher der GRÜNEN, der uns Fragen zum Sicherheitspaket und zur Terrorbekämpfung beantwortete und Angelika Beer, die verteidigungspolitische Sprecherin der GRÜNEN und MdB, welche uns über den Deutschen Anti-Terror-Einsatz informiert, aber auch sehr persönliche Erlebnisse aus Besuchen in Israel und Palästina erzählte. Dann spricht Fritz Kuhn, der Parteivorsitzende der GRÜNEN auf der Bühne und wir sind wieder dabei. Nachdem er die Basis auffordert, den Regierungskurs weitestgehend zu unterstützen, sagt er: „Die FDP hätte 10 Jahre gebraucht um das zu erreichen, was wir in 3 Jahren geschafft haben!“ Dies ist der Abschluss der Debatte, nun wird zur Abstimmung geschritten. Die Basis unterstützt den Vorstand unerwartet stark.
Danach werden noch weitere Anträge im Schnelldurchlauf verabschiedet und um 23:30 ist für der Parteitag für diesen Tag vorbei und wir kommen nach Lichtenhagen in unsere Unterkunft zurück. Sonntag 25.11.2001: Um 9 Uhr geht der Parteitag heute schon wieder los, das bedeutet wieder frühes Aufstehen... Als erstes haben wir eine Pressekonferenz mit Oswald Metzger, dem haushaltspolitischen Sprecher der GRÜNEN. Er informiert uns über die Maßnahmen zum Abbau der Staatsverschuldung und über die Ausgaben des Haushaltes des Bundestages. Nachdem beim Parteitag den ganzen Tag fast nur noch über Satzungsänderungen abgestimmt wird, abgesehen, von der Debatte zum Aufbau Ost und der Aufnahme der GRÜNEN JUGEND in die Partei, und alle sehr schläfrig werden, gibt es zum Abschluss, der JUGEND PRESSE LOUNGE noch eine , Pressekonferenz mit Christian Ströbele, MdB, er sagt, er werde nicht aus der Partei austreten sondern weiterkämpfen und er fordert alle andern auf, dasselbe zu tun. Nachdem die Globalisierungsdebatte auf die nächste BDK verschoben worden ist sagt Ströbele : „Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Globalisierung nicht vergessen wird, gerade wo ich ja die inhaftierten Demonstranten in Genua besucht habe.“ Danach ist unsere JUGEND PRESSELOUNGE vorbei und es wird überall fieberhaft gepackt und aufgeräumt, auch ich mache mich auf, meinen Zug zu bekommen. Ich sitze im Regionalexpress von Rostock nach Lübeck und stelle fest, es war noch besser, als ich es mir erhofft hatte. Moritz Morgenstern(11.Klasse)
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